Seite wählen

Satirischer Monatsrückblick Januar 2015

von | Feb 1, 2015 | Satirischer Monatsrückblick

Ach ja, der Januar 2015. Es sollte so ein schöner Jahresbeginn werden. Mit all den vielen Vorsätzen wie: Kein Fleisch mehr essen, damit der Alkohol schneller wirkt und man nicht mehr so viel trinken muss.
Oder: Mehr Bewegung an frischer Luft, also mit dem Fahrrad zum Zigaretten holen fahren, anstatt mit dem Auto.

Doch der Januar war ein schwarzer Monat. Zumindest für die Satire. Für alle Freunde des Humors, des Lachens.
Die Redaktion des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ in Paris wurde überfallen und zwölf Menschen wurden ermordet.
Und sofort kommen die Gutmenschen und fragen: Wie weit darf Satire gehen?
Die Satire kann im Moment überhaupt nicht gehen, seit Paris sitzt sie im Rollstuhl. Sie muss erst mal wieder lernen, zu laufen.

Da ballern irgendwelche Vollpfosten um sich, nur weil sie sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt fühlen, weil angeblich ihre Glaubenssymbole verunglimpft wurden.

Verletzung religiöser Gefühle. Langsam geht mir das tierisch auf den Sack. – Oh Entschuldigung, ich wollte nicht Ihre Wasauchimmerfürgefühle verletzen.
Natürlich weiß ich, dass das primitiv ist, wenn ich schreibe, das geht mir auf den Sack. Oder auf die Eier. Aber das kommt eben dabei raus, wenn man versucht, Satire zu beschneiden, sozusagen kastriert, um im Bild zu bleiben.

Du darfst keine Witze über Krankheit, über Tod, über das Alter machen. Da könntest du die Gefühle alter und kranker Menschen verletzen. Nein, die Gefühle von Toten nicht. Glaub ich jedenfalls. Aber die Gefühle der Hinterbliebenen.
Machst du Witze über Politiker, fühlen sich die Parteimitglieder in ihren politischen Gefühlen verletzt. Machst du Witze über Frauen, hast du die Alice-Schwarzer-Front an der Backe, weil die sich in ihren Gefühlen als Frau verletzt fühlen. Machst du Witze über Borussia Dortmund, hetzen die dir die Westkurve auf den Hals, weil sie sich in ihren Gefühlen als Sportfans verletzt fühlen. Was willst du denn da noch machen?
Die Klappe halten und deinen geistigen Horizont auf Alltagsphrasen beschränken und dämlich grinsend durchs Leben gehen? Da kannst du doch gleich in die FDP eintreten.

Ich bin katholisch. (Nein, das ist jetzt keine Satire, keine Ironie und auch kein versteckter Sarkasmus.) Wenn ich jeden umbringen würde, der meine religiösen Gefühle verletzt, dann gäbe es den Vatikan schon lange nicht mehr.
Ja glauben Sie, meine religiösen Gefühle werden nicht verletzt, wenn der Stellvertreter meines Gottes in roten Schühchen, Frauenklamotten und Spitzenröckchen rumläuft? Wenn sabbernde Bischofslippen das Kruzifix – wohlgemerkt, das Symbol meines fleischgewordenen Gottes und meiner Kirche schlechthin – küssen. Da kann ich doch auch nicht jedesmal ausflippen und mit der Kalaschnikow um mich ballern, nur weil das meine Gefühle verletzt.

Oder wenn das eben angesprochene Kreuz zum Schmuck degradiert wird und am Goldkettchen von Zuhälterhälsen baumelt. Oder noch schlimmer: Wenn Jesus (wohl gemerkt für Christen der Messias, der Retter der Welt, der Sohn Gottes) zwischen den Brüsten von Jaqueline (gesprochen: Schacklien) hängt und mit seinem Gesicht gegen die volle Fleischeslust gepresst wird.
Ein Un-Ding in den Augen der leibfeindlichen heiligen Mutter Kirche. Und doch halten sich die Kreuzzüge und Hexenverbrennungen diesbezüglich in Grenzen. Seit ein paar Jahren jedenfalls.

Jungfrauen im Paradies???

Jungfrauen im Paradies???

Und ist Satire, indem ich das schreibe, auch schon wieder zu weit gegangen?
Der Anschlag in Paris jedenfalls ging voll nach hinten los. Ich gebe zu, bisher kannte ich das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ überhaupt nicht. Ich habe mich auch nicht wirklich für Mohammed-Karikaturen interessiert. Aber jetzt schon.
Gerade als ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Zug und recherchiere. Ich gebe in die Suchmaschine meines Vertrauens den Namen „Charlie Hebdo“ ein und jede Menge Karikaturen werden mir gezeigt.

Und sofort regt sich mein schlechtes Gewissen: Bin ich jetzt schuld, wenn der Zug entgleist? Was, wenn Hacker der IS mitkriegen, dass so ein durchgeknallter Kabarettist und Satiriker im ICE nach Freiburg sitzt und sich Mohammed-Karikaturen ansieht? Wird dann am nächsten Bahnhof die Kofferbombe eingeschleust?

Und dann dieses Gedöns mit den Zweiundsiebzig Jungfrauen, die als Märtyrer im Paradies auf mich warten. Es kann ja jeder glauben, was er will. Meinetwegen.
Aber Leute überlegt doch mal: Marcel Reich-Ranicki ist tot, Udo Jürgens ist tot, glaubt ihr tatsächlich ihr findet da noch eine einzige Jungfrau im Paradies? Spätestens wenn Lothar Matthäus abtritt, lässt sich diese Frage eindeutig beantworten.

In diesem Sinne, warten Sie nicht erst auf das Paradies. Leben Sie jetzt. Genießen Sie den Februar. Und falls Sie doch einmal zu weit gegangen sind: Immer schön lächeln!


Fotos:„Buranovskiye Babushki 2011“ von Larisa Gorbunowahttp://fotki.yandex.ru/users/larisa-gorbunowa2012/view/470105?page=0. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Spruch des Monats
„Gar nichts zu tun, das ist die allerschwierigste Beschäftigung und zugleich jene, die am meisten Geist voraussetzt.“
Oscar Wilde