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Satirischer Monatsrückblick November 2018

von | Nov 30, 2018 | Satirischer Monatsrückblick

Ach, der November. Ich gehöre bestimmt nicht zu den Leuten, die immer behaupten, früher war alles besser.
Aber was den November betrifft, da war früher zumindest alles anders. Schneestürme, Eiszapfen, Glühwein. Heute blühen am Martinstag die Krokusse und zur Erfrischung mixt du dir am Totensonntag einen Caipirinha.

Aber immerhin ist eines geblieben: Das neue Jahr beginnt erst am ersten Januar. Das bedeutet, der November ist der Monat, an dem ich mich auf den Weg mache und mir einen Kalender für das kommende Jahr kaufe.

Als ich in der Buchhandlung meines Vertrauens danach Ausschau halte, stoße ich auf einen Büchertisch, der mich vom Hocker hauen würde, wenn ich denn auf einem säße.
Da türmen sich auf vier Quadratmeter Sperrholz Ratgeber über Ratgeber für jedes Problemchen, dass Mann oder Frau so haben kann.

Heerscharen von Doktoren und selbsternannten Experten, haben für alle Lebenslagen ein schlaues Buch geschrieben.
„Schmerz loswerden“, „Deutschland hat Rücken – Was Sie selbst dagegen tun können“, „Die Arthrose –Lüge“, „Keim Daheim – Professor Bockmühls Hygiene-Sprechstunde“, „Schlank für Berufstätige“, „Befreie die innere Kraft“, „Wie träume wahr werden“, „Panikattacken loswerden“.

Wenn ich mir das ansehe, bekomme ich erst Panikattacken, die ich vorher gar nicht hatte. Vielleicht sollte mal einer einen Ratgeber schreiben „Wie ich Ratgebern aus dem Weg gehe!“
Am Nebentisch müssen mir dann auch noch B-Promis aus ihrem verkorksten Leben berichten, natürlich in Form eines Ratgebers. „Der Fehler, der mein Leben veränderte“, „Mit mir an meiner Seite“, „Mögest du glücklich sein“.
Herrschaftszeiten. Wenn du das alles durchgeackert hast, musst du der glücklichste und gesündeste Mensch der Welt sein.

Ratgeber über Ratgeber

Opa Schlawutzke von nebenan gesteht mir an einem sonnigen November-Vormittag an seinem Gartenzaun: „Meine Frau liest auch immer solche Bücher. Vor allem die von Doktor vom Hirsch.“
„Wie bitte?“, frag ich.
„Naja, dieser Fernsehliebling, der Doktor vom Hirsch.“
„Kenne ich nicht.“
„Natürlich kennst du den. Dieser Fernseh-Doktor, diese fleischgewordene Apotheken-Umschau. Den kennt doch jeder. Ich kann aber diesen Kerl nicht ausstehen. Ist mir zu schleimig.“
„Du meinst Doktor von Hirschhausen?“
„Ach so heißt der. Da kannst du mal sehen, wie schnell ich aus dem Wohnzimmer raus bin, wenn der Kerl im Fernsehen angekündigt wird.“
„Aber Opa Schlawutzke“, sage ich, „ich finde den Herrn Hirschhausen kompetent und sympatisch…“
Doch da ist Opa Schlawutzke schon schimpfend in seinem Haus verschwunden.

Was mir sehr entgegenkommt, denn immerhin habe ich viel zu tun. Denn im November gibt es den Black Friday.
Den ganzen Tag sitz ich am Computer und gehe auf Schnäppchenjagd. Die Angebote purzeln im Minutentakt direkt auf meinen virtuellen Schreibtisch. Preiserlass bis zu 40 Prozent, bis zu 60 Prozent, ja sogar bis zu 70 Prozent.
Das soll dann angeblich die Umsatzzahlen ankurbeln. Verstehe das, wer will. Irgendwann kriegst du am Black Friday noch was raus. „Bestellen Sie die neue Helene-Fischer-CD und wir schenken Ihnen noch 50 Euro dazu!“

Der Black Friday soll das Weihnachtsgeschäft einläuten. Dabei beginnt das Weihnachtsgeschäft ja von Jahr zu Jahr früher. Zugegeben, die Lebkuchen kamen aufgrund des heißen Spätsommers in diesem Jahr erst Ende September ins Regal, anstatt Mitte August.

Aber eigentlich ist fast das ganze Jahr Vorweihnachtszeit. Getreu dem Motto: Nach Weihnachten ist vor Weihnachten. Wenn bloß das blöde Ostern nicht dazwischen läge. Vielleicht kommt die Politik irgendwann darauf, Ostern abzuschaffen, dann könnte man schon direkt nach Karneval mit der Vorweihnachtszeit beginnen. Um die Wirtschaft anzukurbeln.

Und überhaupt, was heißt hier Vorweihnachtszeit? Ich will nicht pingelig sein, aber die eigentliche Weihnachtszeit beginnt am 25. Dezember und endet am 6. Januar. Die sogenannte Vorweihnachtszeit nennt man Advent. Immerhin heißt es ja erster bis vierter Advent und nicht erster bis vierter Vorweihnachtssonntag.
Demzufolge müsste auch jeder Weihnachtsmarkt vor Weihnachten Advent-Markt heißen, jede Weihnachtsfeier Adventfeier usw., Sie wissen, was ich meine.
Entschuldigung, aber so viel Klugscheißerei muss sein. Schließlich will ich nicht zur Volksverdummung beitragen.

Die Deutsche Bahn mag den Advent überhaupt nicht. Denn Advent kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Ankunft. Und mit der Ankunft – vor allem mit der pünktlichen – stand die Bahn schon immer auf Kriegsfuß.

Und überhaupt. Wo willst du denn heutzutage noch ankommen? Höchstens bei dir selbst. Und damit wären wir wieder bei den Ratgebern. Selbstfindungsratgeber boomen. Keine Angst, ich fange nicht schon wieder damit an.

Was schenkt man den Lieben zu Weihnachten?

Im November quält den Menschen an sich und dem Deutschen insbesondere die eine Frage, die schon im September ihre Schatten vorauswirft: Was schenkst du deinen Lieben zu Weihnachten???

Ich habe in den letzten Jahren mal probiert, Zeit zu schenken. Das können Sie allerdings nicht bei Amazon bestellen. Einen Gutschein für einen Abend oder einen Vormittag Zeit.
Das Blöde ist nur, dass derjenige, den man den Zeit-Gutschein schenkt, gar keine Zeit hat, den Gutschein einzulösen. Also: Du schenkst jemanden Zeit, aber er kann sie nicht annehmen, weil er gar keine Zeit für Zeit hat. Klingt doch absurd, oder?

Also schenkst du doch wieder Socken. Klar kannst du Socken schenken, aber dann ist es halt Kacke – hängt eine Spruchkarte in meinem Wohnzimmer. Aber, was willste denn machen? Bevor du irgendeine andere Kacke schenkst, kannst du gleich das Original von Kacke schenken: Socken.

Und so schlimm ist es auch wieder nicht. Socken kannst du immer irgendwo drunter ziehen. Wenn allerdings das Klima immer wärmer wird, brauchst du bald keine Socken mehr. Dann schenkst du halt Badelatschen. Dann sind Badelatschen die neuen Socken.
Der Vorteil von Socken ist allerdings, wenn sie dir nicht gefallen, kannst du sie nach Weihnachten einfach wegschmeißen. Oder Putzlappen draus machen. Macht sich bei Badelatschen nicht so gut, das mit den Putzlappen. Da sieht man mal, was der Klimawandel alles für Probleme mit sich bringt.

Aber Probleme sind auch nicht so schlimm, denn dafür haben wir ja: Genau – die Ratgeber. Und die finden Sie zuhauf in jeder Buchhandlung.
Hier schließt sich nun der Kreis.
Starten Sie gut in den Advent und in den Dezember. Und falls Sie genauso allergisch auf Ratgeber reagieren wie ich und Weihnachten einen geschenkt bekommen, ein kleiner Tipp: Immer schön lächeln!


Spruch des Monats

„Es ist kein Anzeichen von seelischer Gesundheit, sich an eine zutiefst gestörte Gesellschaft anpassen zu können.“

Jiddu Krishnamurti