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Monatsrückblick Januar 2010

Was macht man als Kabarettist, wenn das Jahr so beginnt. Ich meine nicht die Neujahransprache von Horst Köhler.
Auch nicht die geistigen Ergüsse von dem hessischen Koch. Also dem Roland. Von wegen Arbeitspflicht für faule Hartz-IV Empfänger und so. Oder Westerwelles Aussteiger-Programm für Taliban. Alles Themen, über die der geneigte Bürger sich vor Lachen ausschütten könnte.

Nein, ich meine diese Katastrophe in Haiti. Da sind fast 200 000 Menschen durch ein Erdbeben umgekommen. Wie gehst du als Kabarettist damit um? Ich hab mich gefragt, hat hier schon mal irgendeiner eine Schweigeminute gemacht?
Wenn sich irgendein Fußballspieler vor einen Vorortzug schmeißt, macht das ganze Land Schweigeminuten. Aber nicht wenn in Haiti das halbe Land krepiert. Deshalb mach ich jetzt mal ne Schweigeminute. Allerdings weiß ich nicht, wie man das schriftlich macht.
Bei Schweigeminuten wird natürlich geschwiegen. Also lesen diesen Text jetzt bitte nicht laut.
Denken dürfen Sie aber. Selbst bei Schweigeminuten. Mein Problem ist, dass ich meist laut denke:

Haben Sie die Sondersendung mit Gottschalk gesehn. Spendengala für die Erdbebenopfer. Alle waren sie da. Herr Lidl und Frau Edeka. Sogar Tochter Tengelmann. Und ein paar Promis haben auch gleich die Gelegenheit genutzt, um zu demonstrieren: Hallo mich gibt’s noch! Bitte spende! Für Haiti natürlich. Und dann die Bilder: halb verhungerte Kinder, ein paar Fetzen am Leib und ein Schild mit der Aufschrift: „Bitte helft uns!“
Sogar ne Fußballmannschaft hat gespendet. Einen 5-stelligen Betrag. Ich möchte den Namen der Mannschaft nicht nennen. Erste Bundesliga. Erster Tabellenplatz. Aber ich finde das ist schon ne Leistung. 5-stelliger Betrag. Von 20 Multimillionären.

In den Nachrichten haben sie gesagt. „Hilfe ist unterwegs. Sie kommt aber nicht so schnell an. Was die Menschen in Haiti jetzt brauchen ist Geduld.“
Warum können Nachrichtensprecher nicht einfach mal die Fresse halten. Einfach mal sagen, nein, diesen Scheiß lese ich nicht vor.
3 Tage ohne Wasser, 5 Tage ohne Essen, Schlafen auf der blanken Straße, Angst vor Nachbeben. Die ganze Familie tot. Da brauchst du Wasser, Brot, Medikamente und vielleicht jemand, der dich in den Arm nimmt. Falls es den noch gibt. Aber nicht Geduld.

Vor anderthalb Jahren. Hatten die Banker da auch Geduld?
Warum gab es keinen Spendenaufruf für die Banken: Sondersendung mit Gottschalk. Feiner Zwirn und dann: Unsere Telefone sind geschaltet. Rufen Sie an! Mal sehn, welche Promis gekommen wären. Da hätte man doch mal ehrlich sehn können, wer vom Volk was spendet. Für die Banken. Hypo und wie sie alle heißen. Ab und zu werden dann paar Bilder eingeblendet. Banker in zerfetzten Anzügen stehen vor ihrer Filiale und halten ein Schild hoch: „Bitte helft uns!“
Hätten Sie gespendet?

Aber Banker brauchen keine Geduld. Die brauchen Rettungsschirme. 110 Mrd. Von heut auf morgen. Diese Hilfe kam schnell an.
Gut, man muss den Banken und den anderen Unternehmen, die die Mrd. bekommen haben zugute halten, sie sind unverschuldet in diese Lage gekommen.
Die in Haiti sind selbst schuld. Was wohnste auch in Haiti. Kannst doch wegziehen.
Haben Sie die Bilder gesehn? Berge von Leichen. Kein Stein mehr auf den anderen. Menschen verbluten, sterben an inneren Verletzungen. Keine Medikamente. Durst. Hunger. Tod.
Da kommt das Unwort des Jahres 2008 so richtig gut: Notleidende Banken!
Ihr Ackermänner, Merkel, Steinbrücks, Brüderles und wie ihr alle heißt: Schämt euch!

So, die Schweigeminute ist jetzt um.
Das nächste Mal wird’s wieder lustiger. Versprochen!