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„Aus dem Tagesablauf eines Hypochonders“

6.00 Uhr
Der Wecker klingelt. Mein Name ist Joachim. Ich kann mich nicht bewegen. Ich bin mindestens 87 Jahre alt. Ich versuche mich zu drehen. Bin ich gelähmt? Nein. Ich kann mich doch bewegen, aber alles tut weh. Ich erhöhe das Alter auf 93.

6.05 Uhr
Aufstehen.
Ich will Zähneputzen. Den rechten Arm kann ich nicht zum Mund führen. Bin ich doch gelähmt? Vielleicht träume ich nur. Nein. Als ich meinen Hals strecke, schmerzt mein Rücken. Diesen Schmerz kann man nicht träumen. Aber nach dem Strecken fühle ich mich besser. Ich fühle mich jetzt wieder wie 87.
Der Mann auf dem Poster an der Wand sieht etwas jünger aus. Die Zahnpasta schmeckt nach Rasierschaum. Eklig. Welche Marke ist…Die Zahnpasta ist Rasierschaum. Das Poster an der Wand bewegt sich. Es ist ein Spiegel. Warum erkenne ich das erst jetzt? Ich hab bestimmt ein unheilbares Augenleiden. Ich bin schwer krank. Und 80 Jahre alt.

6.10 Uhr
Duschen. Das Wasser ist nass. Viel zu nass. Ich halte den Duschstrahl mit dem heißen Wasser auf meine Haut. Es entsteht ein roter Fleck. Hab ich eine Wasser-Allergie?

6.25 Uhr
Ich bin jetzt gefühlte 12 Stunden auf den Beinen. Und gefühlte 78 Jahre alt.
„Guten Morgen“, schallt es in der Lautstärke eines Düsenflugzeuges
„Hrrm!“, muffel ich.

6.40 Uhr
Frühstück. Ich weiß nicht, wie ich an diesen Tisch gekommen bin und wer das ist, mir gegenüber. Vor mir stehen ein Teller und eine Tasse.
„Was ist das?“, frag ich und meine diese dampfende Flüssigkeit in der Tasse.
„Das ist Kaffee und den trinkst du jeden Morgen.“ Aha. Sie war also schon öfter hier.

7.02 Uhr
Drei Kaffee, zwei Brötchen und ein Ei später. So ein Frühstück wirkt Wunder. Ich fühle mich jetzt wie Mitte Vierzig.
Ich weiß jetzt auch wieder ihren Namen. Eva heißt sie.
„Du solltest nicht so viel Kaffee trinken. Denk an deine Magenbeschwerden“, sagt sie. Ihre Stimme klingt jetzt auch nicht mehr so laut wie ein Düsenflugzeug.
„Die Magenschmerzen gehen ja noch, aber eben hatte ich so etwas wie Gedächtnisschwund. Ich konnte mich an nichts mehr erinnern. Und alles war ganz laut.“
„Das kommt vom Whisky gestern Abend.“
„Quatsch, ich hab nur Kamillentee getrunken. Wegen meines Reizmagens. Aber vorhin hatte ich beim Duschen rote Flecken. Das ist bestimmt eine Allergie.“
„So heiß, wie du immer duschst ist das kein Wunder. Ist doch klar, dass du dann rote Flecken auf der Haut bekommst.“
„Nein, vielleicht ist das ja eine Vorstufe von Hautkrebs.“

8.10 Uhr
Sorgfältig habe ich mir eine Liste mit meinen Erledigungen angefertigt. Krankengymnastik, Termin beim Urologen, Augenarzt, Vorsorgeuntersuchung beim Hautarzt, Zahnzusatzversicherung organisieren.
Ich blickte auf den Zettel und stelle zwei Dinge fest. Erstens: Mein Großvater hatte kurz vor seinem Tod ähnlich viele Arzttermine. Und zweitens: Er brauchte dafür keine Liste, sondern konnte sich alles merken. Und das, obwohl er vierzig Jahre älter war, als ich jetzt bin…

© Joachim Zawischa


Die ganze Geschichte finden Sie im Buch „Die letzten werden die Ärzte sein“, welches Sie hier bestellen können.

(Achtung: Diese Geschichte ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Verwendung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Satyr-Verlages.)