Korfu

Es ist 5.30 Uhr. Norddeutschland. Ein Samstag im August. Nieselregen, Fünfzehn Grad Celsius Außentemperatur. Mein Wecker klingelt. In gut fünf Stunden geht unser Urlaubsflieger. Ich dreh mich noch mal auf die andere Seite.
Keine zehn Minuten später kommt meine Freundin Eva ins Schlafzimmer, quietschvergnügt, frisch geduscht und jubelt mir zu: „Aufstehen! Urlaub!“

Ich bin ein Morgenmuffel. Für so viel Frische bin ich zu dieser Uhrzeit nicht zu haben, auch nicht im Urlaub. Gäb es ein Diplom oder sonstige akademischen Grade im Morgenmuffelsein, ich hätte sie alle. Es macht auch keinen Sinn, das ändern zu wollen, es ist einfach so. Bevor ich nicht im Bad war, Zähne geputzt und mich geduscht habe, sollte man mich nicht ansprechen. An ganz schlimmen Tagen kann es sogar noch bis zum Frühstück dauern, bevor ich meiner Umwelt zumutbar bin. Müde und zerknautscht raune ich Eva einige selbst für mich unverständliche Laute entgegen.
„Aber es ist doch Urlaub!“, flötet sie.
„Was spielt das für eine Rolle“, sag ich und ereifere mich weiter: „Als wären mit einem Mal alle Sorgen und Nöte der Welt nicht mehr existent, nur weil Urlaub ist. Man darf keine schlechte Laune haben, man darf nicht geteilter Meinung sein, man darf sich auf gar keinen Fall streiten, man muss den ganzen Tag in vollkommener Harmonie durchs Leben gleiten. Nicht weil auf einmal alle Konflikte gelöst wären, nein, weil Urlaub ist. Denken darf man wahrscheinlich auch nicht.“
„Naja, für deine Verhältnisse, bist du ja ziemlich wach“, stoppt Eva meinen Redeschwall und verschwindet in die Küche.

Ich tappe ins Bad und versuche aus dem Zausel, der mir aus dem Spiegel entgegenschaut, einen halbwegs ansehbaren Menschen zu machen. Beim Frühstück nehme ich das Gespräch wieder auf. „Ich meine ja nur“, leite ich meine Ausführungen ein, „wieso muss im Urlaub alles anders sein? Als wären keine negativen Gefühle erlaubt. Das ist ja fast so schlimm wie Weihnachten.“
Weihnachten an sich ist nicht schlimm, im Gegenteil, ich mag Weihnachten. Sehr sogar. Der Duft von Zimtplätzchen, die Heimlichtuerei, die Vorfreude über die Geschenke, Glühweintrinken mit den Nachbarn, Tannenbaum schmücken. Nur mit dieser verordneten Harmonie kann ich nichts anfangen. Gerade Weihnachten sollte man sich mal überlegen, wie die Geburt Jesu stattgefunden hat. Nur weil so ein gieriger Wirt keinen Bock hatte, seine frischbezogenen Betten von einer Gebärenden mit Blut und glitschiger Nachgeburt versauen zu lassen, musste Maria ihr Kind in einem lausigen Stall, auf hartem Stroh, zwischen stinkendem Ochsen und einem Esel zur Welt bringen. Da hatte doch Josef so einen Hals, von Harmonie keine Spur. Mal ganz abgesehen davon, dass er sich auch noch Gedanken machen musste, von wem Maria wohl schwanger war. Da hing doch garantiert der Haussegen schief. Von wegen Fest der Liebe.
Es ist jetzt kurz vor sieben, in einer halben Stunde werden wir abgeholt. Den Müll rausbringen, den Stecker vom Fernseher rausziehen, der Nachbarin den Schlüssel in den Briefkasten schmeißen. Ich bekomme ein Gefühl, das ich immer bekomme kurz bevor wir verreisen: Irgendetwas haben wir vergessen! Aber was?

Zur gleichen Zeit in Griechenland. Zweiundzwanzig Grad Celsius. In einem kleinen Bergdorf an der Nordküste Korfus erwacht der Bauer Georgos Papandropoulos. Seine Zunge fühlt sich pelzig an vom Ouzo letzte Nacht. Er holt sich ein Glas Wasser, legt sich noch mal ins Bett und überlegt, welchen Hammel er für den bevorstehenden Feiertag Mariä Entschlafung zum Schlachten gibt.
Hier ist es bereits kurz vor acht Uhr. Die Griechen sind den Deutschen in der Zeit voraus. Ein komischer Gedanke.

Während sich auf Korfu Bauer Papandropoulos noch einmal auf die andere Seite dreht, kontrolliert Eva das dritte Mal, ob die Herdplatten ausgeschaltet sind. Ich schaue nach, ob der Stecker wirklich weitgenug von der Steckdose entfernt ist. Nicht dass irgendwelche Springströme aus der Steckdose in den Stecker springen und das Haus in Brand setzen. Bei Gewitter oder so. Ich weiß zwar nicht, ob es Springströme überhaupt gibt, aber sicher ist sicher. Eva zieht immer nur den Stecker raus und legt ihn höchstens drei Millimeter von den Steckdosenlöchern entfernt ab. Mir ist das zu unsicher. Die Nervosität steigt, obwohl es keiner zugeben will.
„Sei doch nicht so aufgeregt.“
„Ich bin doch nicht aufgeregt. Du bist aufgeregt. Ich freu mich nur, weil es bald losgeht.“
Ich packe Zahnbürste und Waschbeutel in den Koffer und gehe die Checkliste durch, die uns Frau Morgenstern vom Reisebüro gemailt hat. Reiseunterlagen, Ausweis, Versicherungskarte, Medikamente. Alles ist drin. Ich schnalle noch den Koffergurt um das Gepäck. Fertig. Mit unseren beiden Urlaubsstrohhüten sitzen wir da und warten bis es klingelt und unser Nachbar uns zur S-Bahn fährt, die uns zum Flughafen bringen soll. Ich bin nicht kontrollsüchtig, aber sicherheitshalber schau ich noch einmal auf die Liste von Frau Morgenstern.
Kondome!
„Schatz, da steht tatsächlich ‚Kondome‘ auf der Urlaubscheckliste vom Reisebüro“, rufe ich Eva zu.
Sie grinst: „Ist doch Urlaub!“

(Fortsetzung folgt!)