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Was war das für ein Juli. Wetterfrosch Kachelmann kommt von der Kur aus der JVA Mannheim zurück, ein Oktopus namens Paul hält die ganze Welt in Atem und Mutti Merkel ist für vier Wochen in Urlaub. Und kaum kraxelt sie in den Bergen von Tirol herum, scheint die Welt aus den Fugen.

Theo Albrecht ist tot. Der Erfinder des Schnäppchens, der Schöpfer der Aldi-Tüte. Sozusagen der Ministerpräsident von Aldi-Nord. Er ist der jüngere der beiden Albrecht-Brüder, die das Kostnix-Imperium aufgebaut haben. Ganz nebenbei, war er auch der ärmere der beiden Milliardäre. Aldi – für die einen Symbol für die gerechte Verteilung von Hilfsgütern, für die anderen letzte Bastion des Alle-sind-gleich-Gefühls. Denn ob Kardinal oder Putzfrau, jeder nimmt die Tüte Milch aus dem gleichen schmuddeligen Pappkarton. Und mal ehrlich, gäb es Aldi nicht, hätte unsere Regierung längst die Hartz-IV-Sätze erhöhen müssen, da sonst die Kohle für die Butter auf den Kanten Brot nicht langen würde.

Doch noch mal zurück zu jenem 7. Juli. Als ein zotteliger langhaariger Spanier namens Puyol seinen harten Schädel gegen eine Kugel aus Kunststoff rammte und damit alle Träume der Deutschen auf das Finale der Fußball-WM jäh zunichte machte. Doch nicht diese 73. Minute war es, die selbst den härtesten Fußballfan nach dem 15. Jägermeister wieder nüchtern werden ließ. Als Jogi Löw in der 81. Minute mit Mario Gomez den besten spanischen Abwehrspieler einwechselte, war jedem klar, der Drops ist gelutscht. Deutschland wird wieder nicht Weltmeister.

Doch wie sagte einst der jugoslawische Trainer Dragoslav Stepanovic als er mit Eintracht Frankfurt 1992 nur den 2. Platz erreichte: „Lebbe gehd weider!“

Das Leben geht weiter! Das müssen sich nun die Angehörigen der Opfer der Love-Parade auch irgendwie sagen. Ein Thema, dem der Satiriker ausweichen möchte und an dem der Kabarettist doch nicht vorbei kommt. Da sind auf der einen Seite die Angehörigen der Opfer, denen mein Mitgefühl gilt, denen man Trost und Stütze in ihrer Trauer sein möchte. Und auf der anderen Seite ist diese Katastrophe Sinnbild für die Geltungssucht, Machtgeilheit und Gier einiger Zeitgenossen. Diejenigen, für die der Gang über Leichen längst zu eine Art sportlicher Hürdenlauf auf dem Weg zu Höchstleistungen in Karriere und Profit geworden ist.

Diejenigen, die ihre Mäuler weit aufreißen, wenn es gilt, ihre unverschämt hohen Gehälter, Boni und sonstigen Bezüge zu rechtfertigen. Die uns entgegenbrüllen, welch große Verantwortung sie doch trügen, die materiell natürlich honoriert werden müsse. Dieselben, die im Nachhinein mit Verantwortung nichts mehr zu tun haben wollen. Die wie Kinder im Sandkasten mit der Schippe auf den anderen zeigen: Der wars! – Armes Deutschland.

Im Internet kursiert derzeit ein Witz, der heftig diskutiert wird. „Wieviel Besucher gehen auf die LoveParade? – Eine Millionen und paar Zerquetschte.“ Entscheiden Sie selbst, ob Sie darüber lachen können, wollen oder sogar müssen. Der Humor und das Lachen schaffen die Widerwärtigkeiten des Lebens nicht ab. Der Humor und das Lachen helfen uns aber, die Widerwärtigkeiten des Lebens besser zu ertragen. Und so wünsche ich allen Betroffenen der Katastrophe, dass sie trotz des erfahrenen Leides irgendwann wieder lachen können.

Und so schweigt ein letztes Mal der Satiriker und zitiert die melancholischen Worte der Schriftstellerin Mascha Kaleko:

„Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang, nur vor dem Tode derer, die mir nah sind. Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich todentlang und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr; – Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andern muss man leben.“*

* Quelle: Mascha Kaleko, Verse für Zeitgenossen, Rowohlt Verlag, Reinbek 1995