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Und schwupp – war er vorbei, der Monat Mai. Dieses Jahr war jedoch alles anders. Der Wonnemonat machte seinem Namen alle Ehre. Die Sonne schien viele Stunden, doch nicht so heiß wie sonst. An Himmelfahrt war es nicht so nass wie sonst, die Eisheiligen waren nicht so eisig wie sonst und der neue Fußballmeister ist nicht so bayerisch wie sonst.
Ein rundum gelungener Monat. Wäre da nicht dieser eine Tag… ja, Sie ahnen es schon. Dieser eine Tag, an dem sich ganz Deutschland wünschte, wir wären links.
Gregor Gysi mag das freuen, doch hier geht es nicht um Politik, sondern um ein Politikum: den Eurovision Song Contest, im Volksmund auch Grand Prix genannt. Wer wünschte sich da nicht, Deutschland stünde links. Also auf der linken Seite der großen Anzeigetafel in der Moskauer Olimpijsky Arena. Dort, wo die Platzierungen 1-10 des Song Contest stehen. Doch es war wieder nichts mit der linken Seite. Nie Norweger haben uns das gründlich vergeigt. Dabei haben die Verantwortlichen des NDR alles versucht, der europäischen Sangeskrone etwas näher zu kommen. Der deutsche Vorentscheid wurde abgeschafft, ein erfolgreicher Produzent produzierte, sein Gschmusi sang und dazu tanzte eine amerikanische Edel-Stripperin. Das Ganze gut verquirlt zu einer Mischung aus Pop und Swing. Mindestens Platz 5. Dieser Song ist europäische Spitze. Da waren sich alle einig. Alle? Nein! Ein paar Millionen unbeugsamer Europäer, tief versteckt in den entlegendsten Winkeln des Kontinents, weigerten sich standhaft, amerikanischen Aufguss als europäische Spitzenklasse anzuerkennen.

Dabei wissen wir Deutsche genau, aus welchem Holz Superstars geschnitzt sein müssen. Woche für Woche jodelt Bohlens Dieter uns seine Ergüsse als heiße Tipps ins Ohr. Er weiß, was ein Sänger braucht, damit er Erfolg hat. Er muss es wissen, schließlich hat er Millionen Platten verkauft. Er selbst kann zwar so gut singen wie ein Dackel Klavier spielen, aber wen interessiert das.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, bzw. die Punkte, die uns beim Grand Prix immer fehlen. Es reicht eben längerfristig nicht aus, einer ganzen Generation sangeswütiger Nachwuchstalente zu Superstars machen zu wollen, wenn die Experten vom Kerngeschäft – in diesem Fall das Singen – keine Ahnung haben. Das mag auf RTL ausreichen. Das mag sogar witzig sein und eine Mordseinschaltquote bringen. Aber beim europäischen Sangeswettstreit reicht es nicht mal für die „linke Seite“. Das Fernsehpublikum ist eben doch nicht so dumm, wie manch Redakteur es gerne hätte.
Alex und Oscar sollten es nicht so tragisch nehmen. Schließlich waren sie in der Moskauer Olympiahalle und dort zählt der olympische Gedanke: dabei sein ist alles! Hinterher gabs sicher noch ein leckeres Catering mit Schnittchen und russischem Kaviar und Sekt. Also, was solls. Gut gegessen, gut getrunken – ist doch auch was, oder?

Für uns Zuschauer bleibt allerdings nur der nostalgische Blick zurück. Was waren das noch für Zeiten als eine adrette Fernsehansagerin den Grand Prix Eurovision de la Chanson ankündigte, die Eurovisionsfanfare erklang und eine ganze – wenn auch geteilte – Nation vor dem Bildschirm hockte. Damals nahmen die Ostblockländer nicht teil, es gab den eisernen Vorhang und den Kalten Krieg. Damals konnte man mit den Sehnsüchten der Menschen noch punkten. Die Menschen sehnten sich nach „ein bisschen Frieden“, eine 16-jährige sang ein Lied darüber und ganz Europa war sich einig: „Germany 12 Points!“
Vielleicht wäre das ein Erfolgsrezept: die Sehnsüchte der Menschen in Europa wieder ernst nehmen! Also, wir proklamieren die Mauer wieder aufzubauen und dann schicken wir die Höhner mit dem Lied „Wenn nicht jetzt, wann dann“. Und im übernächsten Jahr reißen wir die Mauer wieder ein und schicken Roberto Blanco mit „Ein bisschen Spaß muss sein!“
Sorry, war ja nur ein Vorschlag.