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Monatsrückblick November

In den Novembertagen hatte es der gebeutelte Kabarettist nicht leicht. Da liegst du mal zwei Tage quietschvergnügt mit deiner Schweinegrippe im Bett, schon hat unsere Angela das halbe Kabinett umgebildet. Nichts ist mehr wie es war. Alle Pointen musst du umschreiben.

Dabei fing der Monat so gut an. Erst feierten wir 40 Jahre Sesamstraße, dann 20 Jahre Mauerfall.
Das Wort „Mauerfall“ ist ja an sich schon eine kleine Geschichtsfälschung. So als wäre die Mauer einfach von alleine umgefallen. Oder zusammengefallen. Mauern können nämlich gar nicht fallen. Das ist kein korrektes Deutsch. Das Verb „fallen“ gibt es im Deutschen nur im Aktiv. Und der „Mauerfall“ kam ja von außen. Da haben ja welche mächtig dran gerüttelt. Da waren Menschen aktiv, deshalb muss der Tatbestand aus der Perspektive der Mauer im Passiv stehen.
Aktiv können Mauern zusammenbrechen, einstürzen oder in sich zusammenfallen. So wie die SPD. Aber bei der spricht ja auch keiner vom SPDfall.
Ansonsten kann man Mauern sprengen, zerhacken oder auseinandernehmen. Oder einreißen. So wie es vor zwanzig Jahren die mutigen Ostdeutschen getan haben. Die wussten genau, was sie wollten: „erst einreißen – dann einreisen“.

Ja, es ist wirklich nicht so leicht mit der deutschen Sprache. Auch die Hilfsverben „haben“ und „sein“ sollte man dieser Tage nicht verwechseln. Beispiel: Die Opposition hat zurückgetreten. Arbeitsminister Jung ist zurückgetreten. (Passiv hieße es: Arbeitsminister Jung ist zurückgetreten worden.)
Und dass er als Arbeitsminister zurückgetreten ist, hängt damit zusammen, dass er als Verteidigungsminister öfter mal weggetreten ist.

So, und wer bis hierher gekommen ist, der hält auch durch, wenn ihm am folgenden schaurigen Novemberbeispiel die Skrupellosigkeit der Deutschen Sprache aufgezeigt wird.
Wer hätte noch im Oktober daran gedacht, dass der von unserem Bundestrainer Jogi Löw ausgesprochene Satz eine derartige tragische Dimension bekommt. Bei der Auswahl der vier Nationaltorhüter sprach er: „Robert Enke bekommt den Vorzug!“

Und an dieser Stelle ausnahmsweise mal eine Vorschau im Monatsrückblick: Wer Probleme beim Weihnachtsbaumkauf hat, sollte sich das „Nadel-Journal“ abonnieren (Das gibt es wirklich, siehe www.nadel-journal.de). Dort erfährt man im Nadel-Ticker alles über die Halleluja-Stauden. Über Vermehrungsstrategien und Massenhaltung. Wurde der Baum per Hand von Bodybuildern mit freiem Oberkörper abgeholzt, von einer schnöden Kettensäge gefällt oder – ökologisch am sinnvollsten – von freilaufenden Bibern durchgenagt. Der Weihnachtsbaumforschung bleibt nichts verborgen. Deshalb sollte jeder gut aufpassen, ob er die geklonte Nordmanntanne aus Georgien oder die besamte Blaufichte aus Münster-Wohlbeck in Opas rostigen Ständer stellt. Ich will niemand erwischen, der schon am Heiligen Abend die nadelfreie Krüppelkiefer in den Häcksler stecken muss. Ich habe euch gewarnt!