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Na, wie war es bei Ihnen im Dezember? Der Dezember ist für mich der emotionalste Monat. Und ich weiß ehrlich nicht, wie ich das finden soll. Also gut oder nicht so gut. Ständig bin ich hin- und hergerissen zwischen Melancholie und Vorfreude. All die bunten Lichter und die sentimentalen Gesänge schlagen mir so aufs Gemüt, haben so etwas…ich würde fast sagen: Schönes! Wenn es nur eben auf der anderen Seite nicht so melancholisch, so traurig wäre. Und ich bin doch für das Lachen zuständig. Also für die Satire, den Humor undsoweiter.

Allein viermal Advent. Immer eine Kerze mehr. Dann gleich Anfang Dezember der Nikolaustag, der Sechste. Da werden Stiefel geputzt und Schuhe gewienert, damit auch ja was Ordentliches drin ist. Und dann doch bloß wieder ein Gutschein fürs Fittnessstudio, der dich an deine dicke Wampe erinnert.

Hast du das gemeistert, steht die ein oder andere Weihnachtsfeier an. Die musst du erst mal überleben. Ohne einen psychischen Schaden. Da musst du mit Menschen feiern, die dir sonst das ganze Jahr über auf den Geist gehen. Ich will das auch nicht kritisieren, ich weiß wirklich nicht, ob ich das mag oder nicht. Ich hab da ehrlich keinen Standpunkt.
Immerhin hat dir die Zicke aus dem Nachbarbüro noch nie solche Komplimente gemacht, wie nach dem dritten Punsch. Bis du gemerkt hast, sie war so besoffen, dass sie dich mit dem Chef verwechselt hat.
Ich weiß nicht, ob ich das gut finde. Ich weiß es nicht. Wirklich.

Treffen auf dem Weihnachtsmarkt

Treffen auf dem Weihnachtsmarkt

Als Ausgleich hilft da nur ein regelmäßiges Treffen mit wirklichen Freunden auf dem Weihnachtsmarkt. Bei Glühwein und Bratwurst. Also wirkliche Freunde. Falls man noch welche hat. Also nicht Glühwein und Bratwurst. Die gelten nicht als wirkliche Freunde. Obwohl es manchmal die sind, die einen am besten trösten können. Vor allem, wenn mal wieder einer gestorben ist. Kurz vor Weihnachten.
Das ist dann nicht nur melancholisch, sondern auch noch traurig. Überhaupt ist man immer trauriger, wenn jemand kurz vor Weihnachten stirbt, als wenn er im Juli stirbt. Warum eigentlich?
Wie oft musste ich mir im Dezember den Satz anhören: „Der arme Udo Jürgens, so kurz vor Weihnachten…“ Wäre es nach Weihnachten vielleicht besser gewesen?

Nachdem dann der Höhepunkt an sich, der 24. – 26. Dezember, also der heilige Klimax, der Erguss der Geschenke, die weihnachtliche Ejakulation sozusagen, überstanden ist, kommt erst einmal ein klitzekleines Loch. Man verfällt ins Grübeln. Über sich. Über seinen mit Lebkuchen, Gänsebraten und Wein vollgestopften Bauch und über das Leben überhaupt.

Eine Menge erstklassiger Filme helfen darüber hinweg. „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ hast du schon im Advent abgearbeitet. Jetzt nimmst du das, was dir ARD und ZDF als Feiertagsprogramm servieren. Das ist wie die jährliche Weihnachtsgans: immer eine andere und doch irgendwie dasselbe. Dieses Jahr hieß das Menü bei den Öffentlich-Rechtlichen 5 Teile Musketiere, James Bond und zwischendurch immer mal einen Tatort.
Ob ich das gut finde? Ich weiß es nicht. Wirklich.

...und 2015 dasselbe!

…und 2015 dasselbe!

Dann kommt die Zeit zwischen den Jahren. Eine Art seelische Inventur. Du stellst dich selbst auf den Prüfstand. Stellst dir die wichtigen Fragen des Lebens: Was hat das alte Jahr gebracht? Was wird das neue bringen? Wer bin ich? Wie lange noch hält der Kühlschrank? Wann wird Schalke wieder Meister?
Der ein oder andere schmiedet Vorsätze. Schreibt sie auf: Mehr Sport, weniger essen, öfter Oma besuchen, ab und an mal was Gutes tun. Was genau, fällt dir im Moment nicht ein, aber das neue Jahr ist ja noch paar Tage hin. Dann legst du den Zettel mit den guten Vorsätzen in eine Schublade und findest den vom letzten Jahr. Dort steht genau dasselbe drauf, also schmeißt du den neuen weg und änderst bei dem alten nur das Jahr.
Ob das gut so ist? Ich weiß es nicht. Wirklich.

Inzwischen wirst du überhäuft mit Jahresrückblicken. Im Fernsehen, in Zeitschriften, im Internet.
Unwetter, Naturkatastrophen, Kriege. Ukraine-Konflikt. In Dresden gehen ein paar Vollpfosten auf die Straße und rufen „Wir sind das Volk“. (Dabei könnte ich wetten, dass einige nicht einmal wissen, wie ‚Volk’ geschrieben wird. )
Der Russe ist wieder gefährlich und taugt als Feindbild. Es wird wieder vom kalten Krieg gesprochen. Und du hast das Gefühl, es ist wie mit dem Zettel mit deinen Vorsätzen, immer irgendwie dasselbe, nur die Jahreszahl ändert sich.
Ob das gut ist? Ich weiß es nicht. Wirklich.

Ich weiß nur, ich wünsche Ihnen, ohne ironischen Unterton, ganz ehrlich und von Herzen: Kommen Sie gut ins neue Jahr und behalten Sie ihren Humor. Bleiben Sie, wie Sie sind! Sie sind gut so, wie Sie sind. Und sollte das alte Jahr nicht ganz so gelaufen sein, wie Sie sich das vorgestellt hatten, das neue wird besser. In diesem Sinne: Immer schön Lächeln!

Fotos:
VH-Halle in der Wikipedia auf Deutsch [CC BY-SA 3.0 de], via Wikimedia Commons; by Jasmin Bauomy [CC BY-SA 2.0]