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Echtzeit???

Echtzeit???

In letzter Zeit kann man sich vor Minutenprotokollen und Live-Tickern kaum noch retten.
Ob der Besuch von Präsident Obama, der Trainingsbeginn von Pep Guardiola, das TV-Duell zwischen Merkel und Steinbrück. Von allem gibt es Minutenprotokolle. In Echtzeit! Die Bahn hat jetzt sogar einen Zugradar in Echtzeit!

Aber was ist Echtzeit? Gibt es auch Unechtzeit? Oder anders gefragt: Wann ist Zeit nicht echt? Es gibt vielleicht die falsche Zeit, die genaue Zeit. Die alten Griechen sprachen vom Kairos, der rechten Zeit, im Sinne von jetzt ist der günstigste Zeitpunkt. Aber echte und unechte Zeit?

Pasta, Gnocchi und Brothäppchen – der Live-Ticker tickt nicht ganz richtig

Und was steht da nicht alles drin in diesen Echtzeitprotokollen der Live-Ticker.
„Die Hintertür des Flugzeugs öffnet sich!“ „Jetzt greift er sich in den Schritt“. Bei rp-online war zum TV-Duell tatsächlich zu lesen: „20.30 Uhr: Ein erstes Vorab-Bild aus dem Studio, die beiden stehen hinter ihrem Pult, jetzt gilt es.“

Ja Herrschaftszeiten, wo sollen sie denn sonst stehen, wenn nicht hinter dem Pult? Auf dem Pult?
Was auch nie fehlen darf in einem Minutenprotokoll, ist das Catering. „ 20.26 Uhr: Pasta, Gnocchi und Brothäppchen im TV-Studio kommen vom Promi-Italiener ‚Il Punto‘… Ein gutes Omen?“
Wer will das wissen?

Es gibt Menschen, die schlafen in Echtzeit

Beim Live-Ticker hat doch nur der einen Tick, der ihn schreibt. Der Live-Ticker tickt nicht ganz richtig. Die Echtzeit ist also nicht ganz echt.
Es wird mir vorgegaukelt, ich sei dabei. Oder noch besser mittendrin. Vor allem bei Fußballspielen ist das sehr beliebt. „Mittendrin, nicht nur dabei!“ Was für ein schwachsinniger Slogan. Das funktioniert vielleicht abends im Schlafzimmer, wenn deine Frau zu dir sagt: „Schatz, glaub mir, du bist mittendrin, nicht nur dabei.“ – „Was, wirklich?“
Aber doch nicht bei einem Fußballspiel. Bei einem Fußballspiel möchte ich dabei sein. Als Zuschauer. Am Rande des Geschehens. Am Rande, nicht mittendrin. Am Rande in Echtzeit. Ja, das geht. Südtribüne nennt sich das.

Irgendwann können wir Schriftsteller beobachten, wie sie in Echtzeit ihr Buch schreiben. Dann brauche ich das Buch nicht mehr zu lesen, denn ich kenne ja schon den Inhalt.
Ich könnte dann aber in Echtzeit die anderen daran teilhaben lassen, wenn ich das Buch noch einmal lese. „20.45 Uhr. Ich blättere um. Von Seite 125 zu Seite 126. +++ 20.46 Uhr. Es bleibt spannend +++ 0.37 Uhr Bin gerade aufgewacht. Muss wohl eingeschlafen sein. War wohl doch nicht so spannend. +++“

Es gibt Menschen, die schlafen sogar in Echtzeit! Ohne Live-Ticker. Das einzige, was da tickt ist der Wecker. Und zwar ein echter Wecker, nicht der, auf den mir Live-Ticker, Minutenprotokolle oder Zugradare fallen.

Die Sehnsucht nach dem Augenblick

Im Augenblick sein

Im Augenblick sein

Wir sind minutiös informiert, ständig erreichbar und posten unser Leben. Wir sind überall, aber nie ganz da. Das wahre Leben sehen wir nur noch durch die Linse des Smartphones. Der eigentliche Moment geht uns verloren.

Bloggerin Charlene deGuzman hat auf YouTube ein kurzes Video veröffentlicht. Es veranschaulicht, wie oft Menschen das wahre Leben aufgrund ihrer Smartphones verpassen und ist ein Riesenerfolg.

„I forgot my phone“ ist der Titel eines rund zwei Minuten langen, sehr ruhigen Clips der Bloggerin Charlene deGuzman. Das Video zeigt einen Tag in ihrem Leben, der nur aus Situationen besteht, in denen ihr Gegenüber das Smartphone für irgendetwas nutzt – und den Augenblick mit ihr dadurch versäumt.
Das Video auf youtube wirbt für einen Tag ohne Smartphone. Es ist ein Riesenerfolg. Über 21 Millionen Mal wurde es innerhalb von zweieinhalb Wochen bereits angeklickt. Die Sehnsucht nach dem echten Augenblick, dem wahren Moment, scheint groß zu sein.
Jetzt! Der Moment, in dem ich diese Zeile schreibe! Das ist die Zeit, in der ich lebe. Das ist meine Echtzeit!

Fotos, von oben nach unten: [CC-BY-SA-2.0], via Wikimedia Commons; Bundesarchiv, Bild 183-1989-0624-020 / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de], via Wikimedia Commons